Auf den Spuren einer kritischen Netzkultur

Die Aufsatzsammlung Dark Fiber – Auf den Spuren einer kritischen Internetkultur bringt die Arbeiten von Geert Lovink aus 15 Jahren Medientheorie und Internet-Aktivismus in einer bunt schillernden magical-mystery-tour zu Papier. Albert Meirer hat diesen Klassiker der Netzkritik gelesen und für politik-digital.de rezensiert.

Der virtuelle Veteran Geert Lovink hat schon manches erlebt. Zumindest im Vergleich zu unser einem, der ein Leben führt, voller “beklemmender Kleinlichkeit (…), Beinahe-Engagement, fortgeschrittenem Desinteresse, (…) elektronischer Einsamkeit, IKEA als kulturellem Ideal und Formen kollektiver Enttäuschung (…) in einer Gesellschaft ohne Ideen mit einem Netz ohne Eigenschaften”. So beschrieben von Lovink und Kollektiv in den frühen 80ern im losen Verbund der agentur bilwet. Nachzulesen in der Aufsatzsammlung Dark Fiber, die Lovinks Arbeiten aus 15 Jahren Medientheorie und Internet-Aktivismus in einer bunt schillernden magical-mystery-tour auf Papier gebracht hat. Intellektuelle und Aktivisten der Piratenradio und Hausbesetzer-Szene in Amsterdam fanden sich einst zu bilwet (Agentur zur Förderung der illegalen Wissenschaft) zusammen. Später war Lovink unter anderem Herausgeber der Medienkunst-Zeitschrift “Mediamatic”, eine treibende Kraft hinter dem utopisch anmutenden Projekt der offenen Stadt Amsterdam, de digitale Stad. Des Weiteren war er einer der maßgeblichen Initiatoren der Mailinglist nettime, die 1995 ans Netz ging; auch als Gegen-Öffentlichkeit zur neoliberalen “kalifornischen Ideologie” des Magazins “wired”.

Get informed or die trying

Lovink ist darüber hinaus auch ein Weltreisender in Sachen Konferenzen und Vorträge, sowie kompetentem Eintreten für freie und sinnvolle Kommunikation jenseits von kommerzieller Verflachung oder staatlicher Zensur. Der Stil seiner Artikel ist stets offen, dialogisch, von Mailing-Listen inspiriert und praxisnah. Sein Engagement und seine Leidenschaft wirken ansteckend und verführen zum Widerspruch, zum Nachlesen, zur Reflexion. Manchmal geraten die vielgestaltigen Texte zu wahrhaft hybriden Gewittern an Metaphern und Theoremen. “Hybrid zu werden ist nicht die Wahl einer Generation, es ist eine technokulturelle Bedingung. Hybridität ist weder eine Ideologie noch ein Ziel. Sie ist schmutzige digitale Wirklichkeit. (…) Doch an einem bestimmten Punkt hören Taktik und Hybridität und andere Serenaden auf die Welt und ihre Komplexität, und es müssen Entscheidungen getroffen werden. Hier endet die Geschichte der transitorischen taktischen Medien nach 1989, und andere Dimensionen öffnen sich.” Auch in dieser Hinsicht darf man auf DARK FIBER III gespannt sein, das Lovink derzeit in Berlin verfasst.

Offene Stadt oder Hochsicherheits-Kaufhaus

Vielstimmig und lesenswert sind all die Fallstudien von alternativen, selbst-organisierten Medienprojekten jenseits der Marktlogik. Hier berichtet der Autor lebensnah und analytisch von all den subversiven Strategien und soften Micro-Kämpfen. Auch von Niederlagen, Ausverkauf und Marginalisierung, jedoch ohne in einen Kult des Scheiterns zu verfallen. So bekommt man einige scharf gezeichnete close-ups einer Zeit zwischen cyber-utopia, dot.com-mania, new-economy-crash und business-as-usuall. “Die Kritik an der neo-liberalen Agenda wurde auf die emotionale Intelligenz-Ebene von Gruppen, die sich vom freien Handel bedroht fühlen reduziert. Hier wurde kein Wort über die Vernachlässigung sozialer Probleme, (…) Probleme von Bildung und Erziehung und dem Niedergang der Öffentlichkeit verloren, ein zentraler Begriff wenn wir den Ursprung und die Essenz des Internets verstehen wollen.”

“www.j´accuse.com”, die gesunde Wut der “virtuellen Intellektuellen”

“Schnelle Expansion des Medienuniversums geht einher mit einer Implosion der Imagination. Während Horden junger Geschäftsleute die “digitale Revolution” in sich hineinlöffeln (…) sieht die kulturelle Situation in Wirklichkeit recht anders aus. Abgesehen von den aggressiven Informations-Eliten nahm das intellektuelle Klima einen defensiven Charakter an.” Die post-euphorische Phase der Netzkultur ermöglichte Lovink eine “schöpferische Zerstörung der Postmoderne”, im Sinne einer Abkehr sowohl von infantilem Technik-Fetischismus als auch von zwanghaften New-Age-Ökonomismus. Aber auch eine Überwindung melancholischer Ästhetizismen und düsterer Visionen geschlossener Bestimmtheit. “Das interaktive Design scheint den Kampf gegen die Schnittstellendumpfheit verloren zu haben. Es ist Lichtjahre entfernt von Bauhaus-Imperativen (…) ästhetischer Qualität, eingebettet in ein breites Spektrum sozialer, kultureller und politischer Voraussetzungen.” Den Kampf gegen die Dumpfheit gibt der Autor aber keineswegs verloren, denn er beharrt auf der Kraft des Negativismus, des kritischen Humanismus und der skeptischen Reorganisation sozialer Netzwerke und Bewegungen. Er entwickelte mit anderen aus der Praxis heraus einen komplexen begrifflichen Werkzeugkasten der sogenannten “taktischen Medien”, einer sich stets neu reorganisierenden Arbeitsweise kritischer Kulturpraxis an der Schnittfläche von Wissenschaft, Kunst und Politik.

Globaler Dorftrottel oder kollektive Intelligenz

Tatsächlich war zur Zeit der Jahrtausendwende, als Dark Fiber zuerst in englischer Sprache erschien, der Höhepunkt neo-liberaler Hegemonie bereits überschritten, erste Risse deuteten sich an. Der Hyperinvestition folgte der Crash, der manchem ganz die Lust am Internet verdarb. Niemals, niemals, betont Lovink, hätten die Konzerne das Internet erfunden; es sei eine kulturelle Errungenschaft. Dennoch, die transnationalen Konzerne haben es durchdrungen und reorganisiert. Es wurde zur informellen Infrastruktur des beschleunigten globalen High-Tech-Kapiltalismus ausgebaut. “Ihr mögt nicht an der Ökonomie interessiert sein, doch die Ökonomie ist an Euch interessiert.” Diese Umwälzung der raum-zeitlichen Dispositive behandelt Lovink in zwei Kapiteln zu den “Zeitkriegen des 21. Jahrhunderts” sowie zu den verschiedenen neuen Formen der englischen Sprache auf unserem Planeten, den so genannten „englishes“. Sicherlich weist diese globale Vernetzung menschlicher Praxis über alle bestehen Formen der Unterdrückung, Armut, Unwissenheit und Ausbeutung hinaus. Digitale Güter, digitales Wissen strebt seinem Wesen nach auf das Teilen, auf grenzenlose Verteilung, auf kostenlose Vervielfältigung hin. Lovink plädiert daher für den Kampf gegen alle Formen “künstlicher Knappheit”, die nur durch staatliche Kontrolle oder fieberhaft koordinierte Strategien der Konzerne aufrechterhalten werden können. Er erarbeitet in diesem Kontext eine Fülle möglicher Tätigkeitsfelder für Netzaktivistinnen.

Illusionen oder Utopien

Post-modernes rhetorisches Irrlichtern über „Simulacren“ oder digitaler Entkörperlichung sind Lovinks Sache nicht. Er reist lieber engagiert und analog über Grenzen und an Ränder und berichtet in mehreren spannenden Artikeln von seinen Erfahrungen in Albanien, Taiwan und Dehli. “Es entsteht eine digitale proletarische Klasse”, erzählt ihm die indische Medien-Aktivistin Shuddha Sengupta.
Zum einen eine proletarisierte globale Call-Center-, Paket-Zusteller- und Reinigungs-Armee, die zu Hungerlöhnen vergleichsweise banalem Schaffen im Umfeld der digitalen Globalisierung ausgeliefert ist. Zum anderen eine durch die Monopol-Bildungen in der New-World-Order-Economy zunehmend proletarisierte Mind-Workers-Class. Ein zunehmend vernetztes und bewußtes “Cognitariat”. Und siehe da, darüber hinaus machen nicht mehr nur „Daten-Dandys“ online Zoff. Nein, auch normale Supermarkt-Angestellte bilden Kommunikations-Guerillas. Analoge Proletarier aller Couleurs machen digitalen Stunk jenseits langweiliger Gewerkschafts-Seminare. Sogar Arme, Unterdrückte, Ungehörte in aller Welt entdecken das Netz als Potential wahrhaftiger Kommunikation. Tja, all diese werden es sein, die das Netz wieder politischer und spannender machen, wetten?

“Angst und Verlangen des Netzwerks”

Viele der aktuellen Debatten um das Netz lassen sich mit Hilfe der praxeologischen Werkzeuge Lovinks entmystifizieren und besser begreifen. Seien es die Kritik an Google, Phantasmen einer digitalen europäischen Renaissance oder der Wunsch nach einer “Kultur-Flatrate”. Sei es die Fassungslosigkeit angesichts gröberer “Infrastrukturprobleme” in Bangalore oder die Visionen eines virtuellen “creative archive”. Technik-pessimistische und technik-euphorische Erzählungen unserer Tage müssen so nicht mit dem Verweis auf vergangene Erfahrungen als belanglose mediale Kasperliaden abgetan werden. Durch Lovinks kritische Theorie “in Richtung einer politischen Ökonomie der Netzwerke” können sie als Modus und Ausdruck gesellschaftlicher Wandlungsprozesse wahrgenommen und gehandhabt werden.

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