Arm und Reich

Der Evolutionsbiologe Jared Diamond verbrachte viel Zeit auf Forschungsreisen in Neuguinea. Ein einheimischer Freund fragte ihn schon vor Jahren, wie es komme, daß manche Gesellschaften so reich, andere aber so arm seien. Und das obwohl die Neuguineer – ausweislich ihrer hervorragenden Kenntnis der heimischen Tier- und Pflanzenwelt – nicht pauschal als weniger intelligent angesehen werden können. Auf diese gewichtige Frage wollte Diamond nicht länger mit Platitüden oder rassistisch gefärbten Argumenten, die irgendwie doch immer auf eine intellektuelle oder moralische Überlegenheit des weißen Menschen rekurrierten, antworten. Für seine Antwort hat er Jahre gebraucht, und sie liegt nun auf über 500 Seiten vor.

 

 

Um es gleich zu sagen: Dieses Buch ist hervorragend. Es löst in vorbildlicher Weise eine Forderung des 1986 verstorbenen Historikers F. Braudel ein: nämlich die, die “longue durée” der Geschichte zu betrachten. Dabei greift Diamond weit hinaus über die Zeiträume, die Historiker betrachten, stehen diesen in der Regel doch nur menschliche Texte und Artefakte zur Verfügung. Diamond hingegen greift auf die Ergebnisse der Biologie, der Paläontologie, der Linguistik und der Archäologie zurück. Dadurch kann er nicht 2000 oder 3000 Jahre zurückschauen, sondern 30.000 Jahre und mehr. Natürlich gleicht sein Buch deswegen einem Flug in großer Höhe, wo die Vogelperspektive alle Details unsichtbar, die großen Konturen aber sichtbar macht.

Buch-Infos
Jared Diamond
Arm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Fischer Taschenbücher, 1999, 19.90 Mark
Das Buch bei BOL

Was nun ist seine Antwort auf die Frage seines Freundes? Seine erste Antwort lautet: Völker, die früh zur Landwirtschaft übergingen, sind langfristig erfolgreich geworden. Denn durch die Landwirtschaft konnten sie zum einen ihre Bevölkerung (und damit ihre Macht) steigern. Und sie konnten durch landwirtschaftliche Überschüsse Menschen freistellen von der Landwirtschaft, Menschen, die sich spezialisierten auf Handwerke, die Kriegsführung, die Wissenschaft oder die Verwaltung. Dadurch wurde ein Prozeß positiver Verstärkung ausgelöst, der die reichen Völker langfristig immer stärker und erfolgreicher machte.

Warum aber, so muß die nächste Frage lauten, waren manche Völker und Regionen so erfolgreich beim Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, während andere diesen Weg erst spät, und wieder andere diesenWeg nie aus eigener Kraft beschritten? Sollten doch, wenn auch schon vor ein paar Tausend Jahren, genetischeund moralische Unterschiede unter den Völkern ausschlaggebend gewesen sein? Nein, antwortet Diamond. Vielmehr hat ein Zusammenspiel aus Geographie, Biologie und menschlichem Eingriff in die Tierwelt dafür gesorgt, daß manche Regionen mit mehr zur Domestizierung geeigneten Pflanzen und Tieren ausgestattet waren als andere. Außerdem sorgen geographische Verhältnisse (Wüsten, Berge, Kontinentalachsen) in manchen Kontinenten für Verhältnisse, welche die Ausbreitung der Landwirtschaft begünstigten, anderswo aber war diese stark behindert. Diamonds Argumentation ist schlüssig. Mehr noch: sie vermittelt einen Einblick in viele Jahrtausende, die der normalen, an Textquellen gebundenen Geschichtsschreibung entzogen sind. Und noch dazu ist sein Stil gut verständlich.

Von der Sache her – der Widerlegung rassistischer Vorurteile durch biologische Fakten – trifft sich Diamond mit einem italienische Biologen, Luca Cavalli-Sforza (“Verschieden und doch gleich” 1994). Doch ist Diamonds Buch an keiner Stelle ein “Anti”-Buch, vielmehr stellt er 100.000 Jahre menschlicher Geschichte aller Kontinente plastisch dar.

Unter den zahlreichen Schlüssen, die man aus Diamonds Buch ziehen kann, seien hier zwei genannt. Der erste ist, daß wohl die Werte nicht so wichtig sind, wie viele meinen, wenn man ganz lange Zeiträume betrachtet. Nach Diamond können höchstens weitgehend isolierte Gesellschaften Innovationen zurückweisen oder wieder rückgängig machen. Die meisten Gesellschaften aber werden Innovationen, die das (Über-)Leben erleichtern, annehmen, und sei es nur, um nicht von einer benachbarten, innovationsfreundlicheren Gesellschaft beherrscht zu werden. Kulturelle Werte haben vielleicht einzelne Menschen und begrenzte Gruppen an der Übernahme neuer Techniken und Ideen gehindert, aber niemals die Menschheit ganzer Kontinente, so daß die Rückständigkeit des “Südens” nach Diamonds Auffassung keineswegs die Folge eines von den Europäern abweichenden Wertsystems der betroffenen Völkern ist.

Die zweite Folgerung ist eher ernüchternd: Diamond weist auf die große Bedeutung von Kumulationsprozessen hin: dort wo Wissen und Wohlstand bereits in hohem Maße vorhanden ist, wird stetig neues generiert. Benachteiligte Regionen und Kontinente können, weil sie, gemessen an Europa und Nordamerika, in der Regel eine solche Kumulationsspirale nicht aufbauen können, kaum in wenigen Jahren oder Jahrzehnten jahrhundertealte Rückstände wettmachen. Einzig die von konfuzianischer bzw. chinesischer Kultur geprägten Tigerstaaten Ostasiens haben in einer Generation einen großen Sprung geschafft, den auch die Asienkrise von 1997/98 nicht ernsthaft rückgängig machen konnte. Hier aber zeigt uns Diamonds Vogelperspektive die oft übersehenen historischen Voraussetzungen dieses Aufholerfolges: Ostasien ist neben dem Vorderen Orient eine der historischen Wiegen der Landwirtschaft: der frühe Übergang zur Landwirtschaft hat dort die Grundlagen einer Gelehrtenkultur gelegt, die niemals, auch nicht in Zeiten des Kolonialismus und der Weltkriege, völlig verschwand.

Fazit: Ein sehr gutes Buch: lehrreich, gut argumentiert, neuartig und zum Mit- und Nachdenken einladend.Was kann man sich mehr wünschen?

 

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